Schwieriger Kampf gegen Glioblastome – hilft ein Antidepressivum?
Shownotes
Am Anfang stand ein Autounfall. Sabrina P. dachte, ihr Vater sei einfach unaufmerksam gewesen. Doch als er am nächsten Tag mit dem Auto gegen einen Randstein prallte und über heftige Kopfschmerzen klagte, suchte er das Spital auf. Die niederschmetternde Diagnose: Glioblastom – ein bösartiger Hirntumor. Elf Monate später verstarb er. Vielleicht hätte ihm ein Antidepressivum mehr Zeit verschafft. Denn in Zürich sorgt ein Team um den Neurologen Michael Weller, Leiter der Klinik für Neurologie am Universitätsspital Zürich, mit seiner Entdeckung für Aufsehen: Ein bekanntes Antidepressivum zeigt im Labor vielversprechende Wirkung gegen Hirntumorzellen. In dieser Podcast-Folge erzählt Prof. Weller mehr über den Ansatz der Umverwendung von Medikamenten– und warum das Antidepressivum Hoffnung auf entscheidende Fortschritte in der Behandlung bösartiger Hirntumoren weckt. Das Ziel: Glioblastome zumindest in chronische Leiden zu verwandeln, mit denen die Betroffenen leben können.
Hilfreiches Wissen in dieser Episode zu
- Krebs
- Krebsforschung
- Glioblastom
- Hirntumor
- Vortioxetin
- Medikamentenwiederverwendung
- Antidepressivum
- Pharmakoskopie
Mehr zum Podcast «Wissen gegen Krebs»
Hinter jeder Erkrankung steckt eine ganz persönliche, bewegende Geschichte, hinter jedem Forschungsprojekt ein engagierter Mensch, der ein klares Ziel verfolgt. Die Podcast-Serie «Wissen gegen Krebs» bringt diese beiden Pole zusammen: Eine Person mit Krebsdiagnose und ein Vis-à-vis in der Forschung, das alles daransetzt, dass Heilung nach einem Krebsbefall zur Regel wird.
Die Podcast-Serie sendet direkt aus dem trauten Heim, dem Spital, dem Labor oder dem Behandlungszimmer und gibt Einblick in die von der Stiftung Krebsforschung Schweiz unterstützten Projekte.
Jeden Monat wird eine neue Folge veröffentlicht. Hören Sie rein und abonnieren Sie den Podcast
Transkript anzeigen
00:00:00: * Sanfte Musik *
00:00:02: Ein Podcast der Krebsforschung Schweiz.
00:00:05: Forscherinnen und Forscher arbeiten häufig im Stillen,
00:00:17: ohne dass sie grosse Aufmerksamkeit bekommen.
00:00:20: Aber dann gibt es hin und wieder eine neue, aufsehenerregende Erkenntnis.
00:00:25: Eine Erkenntnis, die für schwerkranke Menschen
00:00:29: Hoffnung bedeutet.
00:00:31: Eine solche Überraschung gab es 2024 in Zürich.
00:00:35: Eine Entdeckung, die dem Vater von Sabrina
00:00:39: vielleicht hätte helfen können.
00:00:41: Er bekam die Diagnose Glioblastom.
00:00:45: Ein bösartiger Hirntumor, der bis jetzt unheilbar ist.
00:00:49: Zuerst ging ich mal auf die Suchmaschinen,
00:00:52: und habe eingegeben, was das ist.
00:00:54: Dann hat man den Schock fürs Leben.
00:00:57: Es steht viel geschrieben zu Tod, Versterben und nicht lange Lebenserwartung.
00:01:01: Und doch schaltet man das aus und wird zum Kämpfer.
00:01:05: Es war allerdings ein aussichtsloser Kampf.
00:01:08: Elf Monate später ist Sabrinas Vater gestorben.
00:01:12: Er wurde Mitte 60.
00:01:14: Der behandelnde Arzt war der Neurologe Michael Weller,
00:01:19: der die Klinik für Neurologie des Universitätsspitals Zürich leitet.
00:01:24: Das Glioblastom ist für ihn ein absolut drängendes Forschungsthema.
00:01:30: Drängend ist es deshalb,
00:01:32: weil die Hälfte der Patienten nach zwölf Monaten verstorben ist.
00:01:37: Das hat nicht nur Konsequenzen für diese Patienten,
00:01:41: sondern da hängen auch immer Familien, Schicksale, Pläne mit dran.
00:01:46: Es ist für die Angehörigen auch eine unglaubliche Belastung.
00:01:52: Die Angehörigen sehen hilflos mit an,
00:01:55: dass weder die Ärzte noch irgendjemand anderes etwas tun kann.
00:02:00: Tatsache ist, dass es beim Glioblastom
00:02:03: trotz Forschung in den letzten Jahren und Jahrzehnten
00:02:06: kaum Fortschritte gab.
00:02:08: Das könnte sich jetzt ändern.
00:02:10: Der Arzt Michael Weller ist, zusammen mit den Forschenden der ETH,
00:02:14: Teil einer Forschungsgruppe, die sich mit dem Glioblastom befasst.
00:02:19: Die Gruppe hat jetzt ein Medikament identifiziert,
00:02:23: bei dem es danach aussieht, als könnte es gegen die Tumorzellen wirken.
00:02:27: Das ist, und das ist vor allem überraschend,
00:02:30: ein Antidepressivum, das es schon gibt,
00:02:33: das zugelassen und relativ günstig ist.
00:02:36: Um das geht es in dieser Folge von "Wissen gegen Krebs",
00:02:40: dem Podcast der Stiftung Krebsforschung Schweiz.
00:02:43: Die Forschung, an der Michael Weller beteiligt ist,
00:02:47: wird von der Stiftung Krebsforschung Schweiz unterstützt.
00:02:51: Ich bin Rebekka Haefeli.
00:02:53: Sabrina begleitet mich
00:03:00: zum Termin mit dem Neurologen am Unispital Zürich.
00:03:03: Sie war mit ihrem Vater immer wieder da.
00:03:06: Es fing bei ihm mit eher untypischen Symptomen an.
00:03:11: Er bekam starke Kopfschmerzen.
00:03:14: Die meisten Patientinnen und Patienten mit einem Glioblastom
00:03:18: sind zwischen 60 und 70, genau wie ihr Vater.
00:03:23: Die Diagnose trifft in der Schweiz pro Jahr drei von 100'000 Menschen.
00:03:27: Der Arzt Michael Weller hat es angetönt:
00:03:31: Die mittlere Überlebenszeit ab der Diagnose
00:03:34: liegt bei nur etwa einem Jahr.
00:03:37: Das Glioblastom verursacht neurologische Störungen.
00:03:41: Das hängt davon ab, wo im Gehirn der Tumor wächst.
00:03:45: Es ist in der Regel so,
00:03:47: dass aus völliger Gesundheit heraus neurologische Störungen auftreten.
00:03:52: Zum Teil sehr plötzlich, wie mit epileptischen Anfällen.
00:03:56: Selten aber auch durch eher psychologisch-psychiatrisch anmutende Störungen
00:04:02: wie Depression oder Vergesslichkeit.
00:04:06: Kopfschmerzen sind gar nicht so häufig, wie man vielleicht denkt.
00:04:09: Denn das Gehirn selbst ist gar nicht schmerzempfindlich.
00:04:12: Als Sabrinas Vater die Diagnose bekommt,
00:04:16: hiess es, er lebe wahrscheinlich noch etwa eineinhalb Jahre.
00:04:20: Wir wollten die Zahlen und haben die Zahlen bekommen, bis 18 Monate.
00:04:25: Wir wussten, dass sind die Zahlen. Mein Vater sprach aber immer von 18 Jahren.
00:04:30: Ich weiss nicht, ob er das von sich aus angepasst hat für uns.
00:04:34: Er sah unser Leid.
00:04:37: Oder ob das nicht mehr im Gehirn angekommen ist,
00:04:40: dass es 18 Monate gewesen wären.
00:04:42: Wenn sie sich jetzt zurückerinnert,
00:04:44: sagt sie, ihr Vater hat wahrscheinlich schon
00:04:46: eine Zeitlang vor der Diagnose selber gemerkt,
00:04:49: dass etwas nicht stimme.
00:04:51: Es gab dann aber einen konkreten Auslöser,
00:04:54: der eine medizinische Abklärung nötig gemacht hat.
00:04:57: Er hat einen Autounfall verursacht.
00:05:00: Dann dachten wir,
00:05:02: dass unser Vater manchmal etwas abgelenkt war
00:05:05: oder mit dem Kopf woanders.
00:05:07: Das nahmen wir noch nicht so ernst.
00:05:09: Er hat aber einen Tag später mit dem gleichen Auto
00:05:13: einen Randstein getroffen.
00:05:15: Also wieder die Spur nicht gefunden.
00:05:17: Er begann dann zu sagen, der Kopf tue weh.
00:05:22: Der Vater wollte zuerst nicht zum Doktor.
00:05:24: Er hatte Angst davor, sagt Sabrina.
00:05:27: Die Familie konnte ihn dann doch dazu bewegen, in den Notfall zu gehen.
00:05:32: Und dann sei im Spital die Diagnose Glioblastom gestellt worden.
00:05:37: Der Tumor im Hirn hat bei ihm den Sehnerv und das Sichtfeld beeinträchtigt.
00:05:43: Mein Vater hat diese Diagnose eigentlich relativ gut aufgenommen
00:05:48: und kämpferisch.
00:05:50: Ich habe ihn fast nicht mehr erkannt,
00:05:52: weil er das unbedingt besiegen wollte.
00:05:55: Obwohl er nie verstanden hat, dass das nicht zu besiegen ist.
00:05:59: Aber er hat sich kampfbereit gezeigt.
00:06:01: Darum haben wir mit ihm mitgemacht und sind dann eigentlich
00:06:04: all die Wege, zu denen uns geraten wurde,
00:06:06: mit ihm gegangen.
00:06:08: Das hat geheissen, eine Operation am Hirn und eine Strahlentherapie.
00:06:13: Und später gab es dann noch eine schwere Komplikation mit einem epileptischen Anfall.
00:06:19: Sabrina hat für ihren Vater eine 24-Stunden-Betreuung organisiert.
00:06:25: Und schliesslich hat sie ihn, als es nicht mehr anders ging,
00:06:28: zu sich und ihrer Familie nach Hause genommen.
00:06:36: Operation, Strahlentherapie und manchmal, je nach Tumor, noch eine Chemotherapie.
00:06:42: Das ist der Standard bei einem Glioblastom.
00:06:45: Trotz all dem ist die Diagnose heute immer noch niederschmetternd.
00:06:50: Man muss allerdings auch betonen, es gibt Langzeitüberlebende,
00:06:55: einfach nur selten.
00:06:57: Und genau das, will die Forschung und die Gruppe,
00:07:00: in die der Neurologe Michael Weller seine Expertise rein gibt,
00:07:03: jetzt ändern:
00:07:06: Mit der Suche nach wirksamen Medikamenten.
00:07:09: Wir haben Tumorzellen direkt nach der Operation
00:07:13: in ganz kleine Zellkulturschalen transferiert
00:07:17: und 48 Stunden beobachtet.
00:07:19: Und in diesen 48 Stunden haben wir die Tumorzellen
00:07:23: mit einer Vielzahl von Medikamenten behandelt.
00:07:26: Man muss sich das also so vorstellen,
00:07:28: dass die Medikamente schon in diesen kleinen Schalen drin sind,
00:07:31: dann kommen die Tumorzellen raus.
00:07:33: Und man hat dann ein Gemisch von Tumorzellen
00:07:36: und normalen Zellen des Gehirns.
00:07:38: Und nach 48 Stunden gucken wir, wie sich diese Zellkultur verändert hat.
00:07:44: Und wenn weniger Tumorzellen da sind,
00:07:46: als in den unbehandelten Kulturschalen,
00:07:48: dann haben wir unser Ziel erreicht, den Tumor zu eliminieren.
00:07:52: Man testet einfach eine Vielzahl von Medikamenten.
00:07:55: Und diese Technologie ist an der ETH entwickelt worden
00:07:59: vom Team von Berend Snijder.
00:08:01: Er hat das Pharmakoskopie genannt,
00:08:05: weil man in die Empfindlichkeit für medikamentöse Therapie hereinschaut.
00:08:10: Eine besondere Schwierigkeit ist,
00:08:12: dass man Medikamente finden muss,
00:08:14: welche die Blut-Hirn-Schranke überwinden.
00:08:17: Diese dient eigentlich dazu, das Gehirn als wertvollstes Organ zu schützen.
00:08:22: Es ist aber auch ein Problem, wenn man Prozesse behandeln will,
00:08:25: die sich im Gehirn abspielen.
00:08:27: Das heisst, wir haben Medikamente genommen,
00:08:29: die z.B. bei Epilepsie, bei Depression, bei Schizophrenie eingesetzt werden,
00:08:35: weil wir wissen, dass diese Medikamente
00:08:37: definitionsgemäss in das Gehirn gehen,
00:08:40: sonst würden sie dort nicht ankommen.
00:08:42: Durch Bildgebung und Computeranalyse
00:08:44: und dann auch in Tiermodellen haben die Forschenden geschaut,
00:08:48: welche Medikamente am besten gegen Krebszellen wirken.
00:08:52: Statistisch das überzeugendste Medikament war ein Antidepressivum.
00:08:56: Das heisst Vortioxetin.
00:08:58: Es gibt aber auch andere Antidepressiva, die ähnlich wirken.
00:09:02: Aber wir haben uns für die Weiterentwicklung
00:09:05: dieses Medikaments entschieden.
00:09:07: Wir glauben, dass man jetzt unbedingt testen muss,
00:09:10: ob die Medikamente, die wir mit dieser Methode identifizieren,
00:09:14: ob die dann auch wirklich dem Menschen helfen können.
00:09:17: Geplant sind sind jetzt klinische Studien,
00:09:20: die schliesslich zu einem neuen Therapie-Ansatz
00:09:23: bei Glioblastom-Betroffenen führen könnten.
00:09:26: Die Nachricht, dass das Antidepressivum
00:09:29: in der bisherigen Forschung gewisse positive Effekte gezeigt hat,
00:09:34: hat weltweit sehr viele Reaktionen ausgelöst.
00:09:38: Der Neurologe Michael Weller sagt,
00:09:41: seit dann erhalte er jeden Tag Anfragen.
00:09:44: Das Medikament ist zugelassen in der Schweiz, auch in anderen Ländern.
00:09:48: Das Medikament ist gut verträglich,
00:09:51: zumindest wenn man es in der zugelassenen Dosierung einsetzt.
00:09:55: Wir verschreiben es nicht aktiv, und wir warnen davor,
00:09:59: jetzt hohe Dosierungen einzunehmen, die vielleicht nicht sicher sind
00:10:03: oder von denen man zumindest nicht weiss, ob sie sicher sind.
00:10:06: Aber unser Ziel ist natürlich,
00:10:08: eine kontrollierte Studie durchzuführen,
00:10:10: um systematisch zu erfassen, ob es den Menschen besser geht
00:10:13: und ob wir das Überleben beeinflussen können.
00:10:16: Michael Weller warnt allerdings vor übertriebenen Erwartungen.
00:10:20: Wir glauben nicht, dass wir damit diese Erkrankung heilen,
00:10:24: aber vielleicht den Verlauf verändern.
00:10:27: Am Ende wünscht man sich natürlich, aus solchen Tumorerkrankungen
00:10:31: zumindest chronische Erkrankungen zu machen, mit denen Menschen umgehen können.
00:10:35: Man muss bedenken,
00:10:37: dass seit der Einführung dieser Chemotherapie im Jahr 2005
00:10:41: im Bereich der medikamentösen Therapie
00:10:44: keine relevanten Fortschritte gemacht worden sind.
00:10:47: Insofern hoffen wir schon, dass es mit diesem Ansatz vielleicht anders wird.
00:10:50: Sabrina hat grosses Verständnis für all diejenigen,
00:10:54: die ähnliches erleben wie sie und ihre Familie.
00:10:57: Sie hat aus dem Nachlass des Vaters zusammen mit dem Neurologen Michael Weller
00:11:02: sogar eine Stiftung gegründet:
00:11:04: die Schweizer Hirntumor-Stiftung, die Forschung unterstützt.
00:11:13: Ihr Vater ist elf Monate nach der Diagnose gestorben.
00:11:17: Sabrina ist heute trotz allem mit dem,
00:11:20: was sie erlebt hat, versöhnt.
00:11:23: Diese Zeit sehe ich eigentlich im Nachhinein als Geschenk,
00:11:26: weil er wirklich mit uns als Familie Abschied nehmen konnte.
00:11:30: Er hat alle Ängste verloren
00:11:32: und hat eigentlich nur noch von Liebe und Emotionen gelebt.
00:11:37: und dem Rest, monetär oder so, gab er gar keinen Wert mehr.
00:11:41: Wir haben ihn früher eher aus der Finanzwelt gekannt.
00:11:44: Ich bin so aufgewachsen.
00:11:46: Und dann war es eigentlich eine schöne Wende,
00:11:48: dass man noch sein Inneres kennengelernt hat,
00:11:51: auch wenn das nur elf Monate gewesen sind.
00:12:11: Ein Podcast der Krebsforschung Schweiz.
00:12:14:
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